Stress heute
Digitale Ohnmacht
Einen Schwerpunkt moderner Stressphänomene bildet die Arbeit am Computer. Stressquellen dabei sind:
- Bewältigung komplexer Zusammenhänge, oft unter Zeitdruck, bei weitgehender körperlicher Bewegungslosigkeit.
- Zwang zur Einhaltung starrer, formaler Regeln ohne Kulanz, ohne die eine automatische Verarbeitung nicht stattfinden kann.
- Intransparente Zusammenhänge (black box) im Fall von Fehlfunktionen.
- Oft schlechte Dokumentation, die nicht durch schrittweise, haptische Erfahrung kompensiert werden kann.
- Optische Reizüberflutung.
- Eine Flut von Ablenkungen während höchst fokussierter Konzentrationszustände.
- Ausbildung von auf den Computer bezogenen Ich-Zuständen.
- Die Automatisierung bildet neue Meta-Welten, die nur Experten oder finanzkräftigen Personen zugänglich sind (z.B. automatisierte Finanztransaktionen).
Universelle Erreichbarkeit
Ein weiterer, wichtiger Stressfaktor ist die heute geforderte, ständige Erreichbarkeit. Es ist nicht nur für die Entwicklung von Kindern schädlich, das ständige Gefühl der Kontrolle durch das Handy zu haben: Neben der Abhängigkeit aus der ständigen Beobachtung fehlt auch die Notwendigkeit, eigenständiges Handeln aus Überzeugung und Erfahrung heraus zu entwickeln. Einige dieser (überzogenen) Erwartungen sind:
- auf dem Mobiltelefon ständig erreichbar zu sein.
- eine E-Mail am Arbeitsplatz sofort nach Erhalt zu beantworten.
- in Großraumbüros den größten Teil des Tages unter ständiger Beobachtung und möglichst leise zu verbringen.
- die Auswahl der Arbeitsmittel auf von Unternehmen vorgegebene, digitale Automaten zu beschränken.
- ein Gefühl der ständigen Beobachtung und Freiheitseinschränkung durch den Staat: Biometrie, Kameras, Verfolgung monetärer Transaktionen, Gesundheitskarte, Vorratsdatenspeicherung, etc.
Gesellschaftliche Veränderungen
Die Veränderungen in unserer Gesellschaft sind zum Teil auf die vorgenannten Phänomene zurückzuführen, zum Teil aber auch bedingt durch eine davon unabhängige Veränderung unserer Arbeitswelt.
- Zunehmender Individualismus führt zu Vereinsamung.
- Hinterherhinken des Staates gegenüber der Entwicklung. Regulierungen kommen oft zu spät und bevorzugen so die Mächtigen.
- Automatisierung und Optimierung erhöhen den Leistungsdruck und führen zu einer zumenehmenden Ausdifferenzierung von Arm und Reich.
- Genetische Schemata zur Bewältigung von Situationen sind auf moderne Situationen nicht mehr anwendbar.
- Klassische Rollenbilder sowie Ratschläge der vorhergehenden Generation helfen nicht mehr, sich in der modernen Welt zu orientieren.
- Die "Nebenaufwendungen" der Arbeit (Networking, Selbstvermarktung etc.) sind immens gestiegen.
- Die durch die digitale Bildbearbeitung und Reproduktion mögliche optische Idealisierung belastet Menschen, die diesem Ideal nicht mehr entsprechen können oder nicht die Möglichkeit haben, Technik so zu nutzen.
- Die gestiegene Virtualisierung des Lebens schafft künstliche Realitäten.
- Eine Überbewertung logischer Zusammenhänge entwertet alles intuitiv-menschliche
Auswirkungen
Die Auswirkungen von Stress sind sehr vielfältig. Hier eine Aufzählung einiger gängiger Symptome, die (unter anderem) auch durch Stress verursacht sein können:
- Minderwertigkeitskomplexe erschweren die menschliche Kommunikation und Lösungsfindung.
- Dissoziation von der realen Welt und Ausprägung von Ego-States mit härteren Grenzen.
- Zunahme von Borderline- und DDNOS-ähnlichen Zuständen
- Zähneknirschen, Lippe-, Fingernagel- und Backe kauen
- Gefühl, das eigene Leben nicht mehr "im Griff" zu haben
- Zunahme an immer extremer werdendem Angebot von Pornographie
- Diabetes, kardiovaskuläre Krankheiten, Übergewicht
- Verlust von "Urvertrauen" und mangelndes Gefühl der Geborgenheit
- Haarausfall
- Vergesslichkeit
- feinmotorische Störungen
- Verlust der Schlafqualität, Erschöpfungsgefühl
- Verlust der Libido
- Rückzug
- Burnout-Syndrom
- Angst-Störungen, Existenz- und Zukunftsängste
- Zunehmende Orientierungslosigkeit in der Lebensmitte