Stress-News

Ein anderes Verständnis von Gesundheit und Schlacke · vom 13. Juli 2010

“Fastenkuren dienen der Entschlackung”, wird von Befürwortern gerne als Argument angeführt. “Wir können diese Schlacken im Körper nicht finden”, behaupten die Gegner. Ich mag hier zu einem anderen Verständnis von den mysteriösen Schlacken anregen: unserem physiologischen Gedächtnis.

Wenn wir von Gedächtnis sprechen, dann stellen wir uns gerne einen Speicher vor, in dem Informationen abgelegt sind, quasi eine From von Wissensschlacken. In der Hirnforschung können wir aber keinen solchen Speicher finden. Vielmehr gehen auch namhafte Biologen wie z.B. Humberto Maturana davon aus, dass Wissen in Form von Vorschriften gespeichert wird, wie eine bestimmte Information von unserem Gehirn zu einem späteren Zeitpunkt wieder erzeugt werden kann. Dazu ist ein dynamisches Gleichgewicht unserer Beobachtung der Umwelt nötig. Es gibt sowohl Belege dafür, dass unsere Erwartung der Zukunft unser Lernvermögen beeinflusst, als auch dass unser Vergessen kein reiner, zeitlicher Zerfall ist, sondern von Erinnerungsprozessen beeinflusst wird.

Schlacke als Gedächtnis

Auch unsere Physiologie steht in einem solchen, dynamischen Gleichgewicht mit unserer Umwelt. Zentrale Einflüsse bilden dabei die Luft, die wir atmen, Wasser, Bewegung, und ganz wesentlich unsere Ernährung. Die Prozesse, die sich in unserem Körper abspielen, das heißt die Art und Weise, wie sich unser Körper unserer Umwelt anpasst, hängt maßgeblich davon ab, welcher Umwelt wir ihn präsentieren, d.h. was wir essen, trinken, wie wir uns bewegen und wo wir leben. Die breite Verteilung der Menschen über unseren Planeten sowie die Unterschiedlichkeit der Lebenspläne legen nahe, dass der Mensch sich an verschiedenste Situationen anpassen kann.

Durch seine Anpassung bildet er mit seiner Umwelt ein System. Unsere Gewohnheiten und unsere Routine sind ein wesentlicher Bestandteil dieses Gleichgewichts, auch unsere Ernährungsgewohnheiten. Unsere Physiologie stimmt sich auf diese Gewohnheiten ein. Vollziehen sich diese Anpassungsprozesse für unsere Gesamtphysiologie zu schnell, eröffnet sich ein weites Feld negativer Auswirkungen auf unser Wohlbefinden. Manche davon registrieren wir schneller, manche benötigen Jahre oder Jahrzehnte, bis sie Auswirkungen zeigen. Das gilt auch für psychische Einflussfaktoren wie Stress, Ängste und vieles mehr.

Physiologische Ego-States

Doch ist unser Körper bereits angepasst, so möchte er dieses Gleichgewicht, das ihm erst einmal stabil erscheint, aufrecht erhalten. Wir verlangen also nach dem, zu dem wir uns erzogen haben, vor dem Hintergrund der jeweiligen Umweltsituation, denn es bietet Stabilität in dieser Umwelt. In der Psychologie spricht man von Ego-States. Doch was sind die Ego-States unserer Physiologie? Wie wirkt dieses dynamische Gleichgewicht? Zwischen Männern und Frauen, oder z.B. während einer Schwangerschaft sind wir gewillt, mit unterschiedlichem Maß zu messen, weil uns das einleuchtend erscheint. Doch müsste man noch viel mehr Unterscheidungen treffen, und jede Situation individuell betrachten. Wie schafft man dabei aber Orientierung?

Eine mehr oder minder radikale Veränderung, z.B. durch Ortswechsel, körperliche Tätigkeit oder die Umstellung unserer Ernährung kann helfen, eingeschliffenen Gleichgewichte aufzubrechen. Der Körper wird aus einer Situation genügend weit herausgetragen, dass sich im Anschluss neues Eigenverhalten einstellen kann. Auf “kleinerer” Ebene passiert das ständig, z.B. wenn wir eine neue Erfahrung machen. Größere, bewusst herbeigeführte Veränderungen erscheinen dann sinnvoll, wenn das gewöhnte Verhalten dem Körper auf Dauer schadet, oder wenn durch neue Impulse neue (und damit überlegene) Möglichkeiten von Verhalten und Entwicklung geschaffen werden.

Sind sie zu radikal, so wird die Neuorientierung schwierig, und es unter Umständen einer “geschützten” Umgebung bedürfen, damit sich ein neues Gleichgewicht finden kann. Wie aber sieht es aus mit dem Fasten?

Fasten

Fasten wird — so betrachtet — zu einer Art Reset unseres Nahrungsaustauschsystems, das durch das Zurücknehmen externer Reize ermöglicht, dass unser Körper seine Physiologie nach der Symmetrievorschrift seiner Gene neu orientieren kann, ohne dabei durch Ernährungsgewohnheiten gestört zu werden. Es sind also keine feststofflichen Schlacken, die beseitigt werden, sondern unvorteilhafte Verhaltensweisen unserer Physiologie, die durchbrochen werden, wie z.B. dauerhaft überhöhte Insulinspiegel.

Natürlich funktioniert das nur begrenzt, denn das Gleichgewicht unseres Körpers ist an die Aufnahme von Nahrung angepasst (und meist sogar an zu viel davon). Allerdings hat unser Körper auch die Möglichkeit, “aus der Batterie” betrieben zu werden, und dieser Effekt lässt sich in gewissen Grenzen auch aktiv ausnutzen. Viele Prozesse in unserem Körper verlaufen zyklisch oder schubweise, um unsere Anpassungsfähigkeit und Sensibilität zu erhalten. Unsere Ernährung haben wir jedoch weitgehend auf eine künstlich veränderte “Ganzjahreseinheitsflutung” umgestellt, die keinen natürlichen Schwankungen mehr unterliegt. Dieser Stillstand, also die Abwesenheit von zyklischer Veränderung in unserer Ernährung, muss nicht positiv sein.

Ähnliche “wachrüttelnde” Effekte lassen sich auch durch Umstellung der Ernährung auf z.B. veganische, Rohkost oder Instincto-Methoden erreichen, bzw. durch das gezielte vermeiden bestimmter physiologisch aktiver Stoffe, wie z.B. Zucker, Salz oder Omega-6-Fettsäuren.

Der Durchschnitt ist kein Vorbild

Der Durchschnitt, an den wir uns heute anpassen, ist nicht das nützlichste Maß, an dem wir unsere Gesundheit (oder unser Leben überhaupt) ausrichten können — wenn auch vielleicht das einzige, das sich verallgemeinern lässt. Darin liegt das eigentliche Problem begraben. Was sich einfach messen und vergleichen lässt hat eine Tendenz, sich als Maßstab zu etablieren. Wenn sich die ganze Medizin an diesem Maßstab ausrichtet, die Gesundheit der Menschen wiederum an der Medizin, dann ist dieser Maßstab kein reines Mess- und Diagnoseinstrument mehr, sondern eines, das unsere Physiologie über komplexe Prozesse aktiv beeinflusst. Er wird zu einem Umweltfaktor unserer Person, ob das notwendig bzw. nützlich ist oder auch nicht: wir verschieben dadurch das dynamische Gleichgewicht. Ob wir uns dabei über unsere Lebensspanne durchschnittlich wohler in unserer Haut fühlen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Es ist auch fraglich, ob Durchschnittsbildung unsere Anpassungsfähigkeit an die Umwelt der Zukunft erhöhen wird. Der Einheitsmensch verringert die Chance, dass sich einzelne an extremere Veränderungen der Umwelt anpassen, und damit im Extremfall überleben können. Wir bremsen unsere Entwicklung so durch wissenschaftliche Durchschnittsbildung vorsätzlich aus. Denn der Mensch bildet mit seiner Umwelt immer ein stabiles System.

Würde er divergieren, würden wir ihn als tot bezeichnen. Dabei unterscheiden sich alle Menschen voneinander, und auch die Umwelt jedes Menschen ist einzigartig. Es wäre also zu erwarten, dass sich bei jedem Menschen ein anderes Gleichgewicht einstellt. Der Vergleich von Messwerten, z.B. Blutwerten, ist also nur dann sinnvoll, wenn wir Indizien für krankhafte Zustände, also Indikatoren für Limits haben. Selbst dann muss jedoch eine Bewertung der individuellen Situation erfolgen, damit ein Wert überhaupt interpretiert werden kann. Eine Erklärung für einen Zustand oder Entwicklung kann er niemals liefern, allerhöchstens für bestimmte Umstände eine Prognose zulassen.

Der Mensch bildet dieses System allerdings in erster Linie tatsächlich mit seiner Umwelt, physiologisch gesehen also mit seiner Nahrung und Umgebung. Andere Menschen (oder deren Abwesenheit) spielen dabei eine sekundäre Rolle, sind jedoch über psychische, haptische (oder reproduktive :-)) Prozesse damit verbunden. Der Vergleich der Physiologie zwischen zwei Menschen erscheint also für sich genommen wenig sinnvoll, da diese beiden Menschen nicht in einer unmittelbaren Wirkbeziehung stehen, die einen Vergleich überhaupt zulässt. Das ist nur dann der Fall, wenn eine Wertedifferenz eine bestimmt schlechtere Gesundheitsprognose zulässt als andere Umweltfaktoren.

Zu einem neuen Gesundheitsideal

Bei dieser Betrachtung kann jedoch keine “Qualitätssicherung”, die sich an einer auf einen standardisierten “Zustand” des Menschen bezieht, die situative Interpretation ersetzen. Viel mehr sollten wir, anstatt statische Messwerte zu beurteilen, den Blick auf die Erhöhung der Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit unseres Körpers legen und Symptome wieder als reinen Indikator verwenden, ob ein Indiz dafür vorliegt, dass die Reaktionsfähigkeit unseres Körpers eingeschränkt ist, und nicht ein zu erreichendes Ideal zu postulieren. Eine progressive Medizin sollte in erster Linie die Reaktionsfähigkeit wieder herstellen, in zweiter Linie die Umweltsituation verändern, auf die reagiert werden muss, und erst in dritter und allerletzter Linie (oder im akut lebensbedrohlichen Fall) den Reaktionsverlust des Körpers kompensieren. Dieses Wiederherstellen von Reaktionsfähigkeit ist wohl das, was der Volksmund mit Entschlacken bezeichnet.

Erhebt die Medizin den Messwert allerdings über die Anpassungsfähigkeit, so erzieht sie uns in genau die Richtung dieses Messwerts. Auch allen anderen, von Menschen erschaffenen, gesellschaftlichen Zwängen werden wir uns mit Hilfe dieser Rückkopplung ohne weitere Diskussion anpassen, wenn der Zwang dazu führt, dass sich der Mittelwert verschiebt, z.B. durch Fehlernährung oder andere Belastungs- oder Stresssymptome. Als Folge dieser Rückkopplung, wenn sie ohne jedes übergeordnete Ideal geschieht, wird jeder Fortschritt, den die Medizin auch erzielt, sofort von den gestiegenen Anforderungen der Gesellschaft wieder aufgefangen. “Geben Sie mir etwas, damit ich schneller wieder arbeiten kann” ist in diesem Sinne das kritischste aller Ideale, die man sich vorstellen kann.

Ich zumindest würde aus dieser Optimierungsschleife, die unseren Körper dem gesellschaftlichen Wirtschaften unterwirft, immer wieder gerne ausbrechen. Und wenn es nur unseren “raffinierten” Ernährungsgewohnheiten durch ein wenig Entschlacken ist.